„Die Folgen des Lockdowns werden erst später sichtbar“

Mann lehnt sich an einen Zaun (Quelle: imago images)

Je länger die Corona-Krise anhält, desto eher können der Lockdown und die Sorge vor Erkrankungen zu psychischen Störungen führen. Die seelischen Auswirkungen der Pandemie sind in Berlin bereits spürbar. Von Efthymis Angeloudis und Roberto Jurkschat

Das Coronavirus mag körperliche Erkrankungen hervorrufen, für viele Menschen hat die Pandemie aber auch erhebliche Folgen für die psychische Gesundheit. Nach Aussagen von Psychotherapeuten haben sich mit dem Virus in Berlin auch Ängste, Zwänge und Depressionen weiter ausgebreitet.

Wie die AOK-Nordost am Donnerstag mitteilte, sind psychische Erkrankungen mittlerweile die zweithäufigste Ursache [br.de] für eine Krankschreibung: Berlinerinnen und Berliner, die sich aus psychischen Gründen krankschreiben ließen, fielen in der ersten Jahreshälfte 2020 deutlich länger bei der Arbeit aus als im Vorjahr. Die Krankheitsdauer stieg der Berechnung nach um 16 Prozent.

„Diese Entwicklung steht vermutlich im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie“, erklärt Alexander Kugelstadt, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im AOK-Ärztehaus „Centrum für Gesundheit“. „Bei vielen Patientinnen und Patienten mit Angsterkrankungen haben sich die Symptome seit Beginn der Pandemie verschlimmert.“ Auslöser seien etwa Sorgen vor Ansteckung, Ängste um Angehörige oder vor einem drohenden Jobverlust gewesen.

Beratungen steigen analog zu Infektionen

Diesen Eindruck bestätigt auch Jens Gräbener, Psychologe vom Berliner Krisendienst. Der Bedarf nach psychologischer Hilfe der Dienste sei vor allem im März und April groß gewesen, als die Fallzahlen in der Hauptstadt zum ersten Mal stiegen: Viele Menschen kamen aus Sorge um Familien und Freunde, aus Angst vor Einsamkeit, oder aus Angst vor einem Verlust ihrer Autonomie. Auch die Angst vor dem Virus selbst sei für für viele Menschen ein Grund gewesen, Hilfe zu suchen, wie Gräbener rbb|24 erklärte.

In der zweiten Phase nach dem Shutdown hätten erneut Ängste bei den Patienten dominiert. Allerdings waren es im Sommer eher die Lockerungen und die Rückkehr an den Arbeitsplatz, die bei vielen Menschen Erkrankungsängste verstärkten. Die Gesamtzahl der Beratungen sei von Mai bis Ende September zwar zurückgegangen. Aktuell steige diese Nachfrage jedoch erneut – gemeinsam mit den Fallzahlen und dem anstehenden zweiten Lockdown in Berlin.

„Es ist aus vergangenen pandemischen Lagen bekannt, dass diese auch direkte oder indirekte Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung haben“, sagte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit rbb|24 am Freitag. Deshalb seien mit der Pandemie niederschwellige Angebote, wie der Berliner Krisendienst gestärkt worden.

Mangel an Kontakt führt zu psychischer Belastung

Abgesehen von den Krisendiensten können Menschen mit Symptomen psychischer Erkrankungen sich an die Kassenärztliche Vereinigung in Berlin wenden, die Menschen auf der Suche nach einer Therapie unterstützt [kvberlin.de]. Zu langen Wartezeiten kommt es in Berlin allerdings trotzdem immer wieder. Dr. Alexander Drandarevski, Oberarzt der Wiegmann Klinik für Psychogene Störungen, sagte im Gespräch mit rbb|24, der Zugang für Patienten in die ambulante Versorgung sei durch die Pandemie noch einmal erschwert worden: „Die Schwelle ist jetzt noch höher“, so Drandarevski.

In der Klinik beobachtete der Oberarzt im März und April einerseits dieselben psychischen Probleme, wie vor der Corona-Pandemie: depressive Störungen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen. Doch anders als zuvor kamen auch Menschen zur Behandlung, die zusätzlich auf menschlichen Kontakt angewiesen waren. Denn auch der massive Mangel an menschlichem Kontakt kann zu psychischen Belastungen führen [aerzteblatt.de]. Und je länger Spannungen und Verunsicherungen anhielten, desto stärker wirke sich das auf die Krankheitssymptome aus.

Deswegen sei es hilfreich, trotz der Einschränkungen Beziehungen aufrecht zu erhalten, sei es telefonisch oder per Video, oder im persönlichen Kontakt unter dem Schutz der Maske, so Drandarevski. „Das ist ein menschliches Bedürfnis, bei dem man sich nicht schlecht fühlen muss.“ Allgemein empfehle man Menschen sich trotz der Einschränkungen Hilfsangebote zu holen, im therapeutischen Kontakt zu bleiben und die möglichen Anlaufstellen zu nutzen.

Ein Händedruck reicht aus

Einer dieser Anlaufstellen ist auch die in Schöneberg niedergelassene Psychotherapeutin Pilar Isaac-Candeias. Die Isolation führe bei den meisten nach einer gewissen Zeit zu einer Depression, sagt Isaac-Candeias, die Vorstandsmitglied der Psychotherapeutenkammer Berlin ist. Menschen die niemanden haben und alleine sind, entwickelten oft Schuldgefühle. Dabei fehlten ihnen oft die einfachsten Sachen: Ein Händedruck, eine Berührung. „Wenn man keine Familie, keinen Partner oder Kinder hat, fällt das Elementare weg.“

Menschliche Kontakte wurden während der Pandemie zu einem Gesundheitsrisiko. Für erkrankte und ältere Menschen bedeutete das Coronavirus häufig sogar fast völlige Isolation und Einsamkeit. „Der Mensch ist ein sinnliches Wesen“, sagt die Psychotherapeutin. Selbst ein täglicher Händedruck sei wichtig, auch wenn man sich danach die Hände desinfizieren müsste. „Wenn kleine Kinder nicht gestreichelt werden, haben sie kein Körperbild und können sich nicht richtig entwickeln.“

Deswegen sei auch die Pauschalisierung, dass es Singles im Lockdown besser gehe „Quatsch“. „Dem Single geht es vielleicht besser als der Familie mit vier Kindern, die in einem Zimmer wohnen muss. Wenn ein Single sich jedoch einsam fühlt und mit seinem Singlesein nicht einverstanden ist, ist das auch schwierig.“

Folgen des Lockdowns werden erst später sichtbar

Isaac-Candeias beobachtete bei einer Patientengruppe im März und April jedoch eine ungewöhnliche Reaktion. „Sozialphobische Personen waren ganz froh über die Ausgangsbegrenzungen“, sagte sie rbb|24. „Na endlich hat sich die Welt mir angepasst“, erklärten ihr Patienten humorvoll.

Dafür waren ausländischen Patienten sehr besorgt. Besonders bei Patienten die unter Diktaturen gelitten haben, seien viele Traumata der Vergangenheit nochmal hochgekommen. “Sperrstunden und Augangsverbote haben Patienten die unter der Argentinischen oder Chilenischen Diktatur gelitten haben sehr verstört.” Auch Patienten, die in der DDR sozialisiert wurden, hätten auf die Regierungsmaßnahmen oft mit Misstrauen reagiert.

Die Isolation kann laut Isaac-Candeias die Gesundheit beeinflussen. Die Folgen des Lockdowns auf der Psyche des Menschen werden sich jedoch erst viel später zeigen. „Jetzt versuchen sich die Menschen noch irgendwie zu halten.“ Erst wenn die Gefahr vorbei sei, können die psychologischen Folgen sichtbar werden. „Dann erst wird sich zeigen, wie jeder da steht.“

Info

Hilfe bietet jederzeit der Berliner Krisendienst unter 030 39063-10, -90 oder auf www.berliner-krisendienst.de/ich-brauche-hilfe/

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